Er hat das High des Unternehmertums erlebt und zwei Burnouts durchstehen müssen.
Daniel Herolds Leben ist vom Suchen und Versuchen, sich nicht festlegen wollen
und vom endlichen Ankommen geprägt.
Immer mehr junge Erwachsene geben an, dass sie in ein Burnout geraten sind. Was ist dir am Anfang deines Arbeitslebens passiert?
Ich arbeitete anfangs mit 20 als Metallbauer und habe jeden Tag diese giftigen Dämpfe eingeatmet. Da ging bei mir so ein Rad im Kopf los: Wenn ich das jetzt länger mache, was hat das für Auswirkungen auf meine Gesundheit?
Als Kind hatte ich schon Angst vor allem Möglichen, dass sich die ganze Familie auflöst und ich obdachlos werde usw. Dazu hatte ich es zuhause nicht so gut und auch in der damaligen Beziehung gab es viel Stress. Dann ist vielleicht noch ein bekannter Mensch im Dorf gestorben und ich habe es irgendwie auf mich bezogen.
Der Stress baut sich auf, wann wurde es dir zu viel?
Ich bekam eines Abends schlecht Luft, am nächsten Tag in der Arbeit bin ich alle zehn Minuten aufs WC, weil ich mich ausruhen musste. Irgendwas stimmte gar nicht mit mir.Der Chef fuhr mich ins Krankenhaus und es wurde so schlimm, dass ich nicht mal selbst zum Eingang laufen konnte. Nach vielen Untersuchungen kam am Ende raus: «Du bist voll gesund.»
Ich war fassungslos. Sie sagen mir, ich bin gesund, aber ich liege hier und ich hatte, also ohne Mist, jede halbe Stunde einen neuen Schub von Panikattacken. Das war wie eine Folter.
Wie hat dein Umfeld reagiert?
Mein Vater konnte das Ganze überhaupt nicht nachvollziehen. In Ostdeutschland, in ihrer Welt sag ich mal, da gab es das nicht, dass man eine psychische Krankheit hat. Für ihn gibt es nur Materie, halt das, was er sehen kann.
Und zudem hast du Leute, die sagen, der Sinn des Lebens ist Arbeiten. Und wenn du nicht arbeitest, dann bist du unfähig oder ein Faulenzer. Ich fühlte mich schrecklich, ich dachte, mein Leben sei vorbei.
Gab es auch etwas, was dir half?
Ja, die Psychiaterin hat mir volle Dröhnung Medikamente gegeben. Ab dem ersten Moment, wo ich das Medi genommen habe, war ich plötzlich wieder wie vorher. Ich habe gedacht, ich bin geheilt. Und dann habe ich eine bezahlte Reha bekommen und dort hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, was mir gut tut und wo ich eine Umschulung machen kann, denn arbeiten ging vorerst mal gar nicht.
Nach der Reha kam mein Sohn auf die Welt. Ich habe gemerkt, dass ich wie ein zweites Leben geschenkt bekommen habe. Mir kamen Gedanken wie: «Wie kann tun was ich will, wann ich will? » Ich habe viele Bücher in diese Richtung gelesen. Das war natürlich für alle Aussenstehenden lächerlich. Ich komme da erst aus einer psychischen Erkrankung und jetzt will ich Unternehmer werden. Mein Vater ist komplett aus allen Wolken gefallen.
Mir kam der Gedanke, ich möchte irgendwas wie Texte für Webseiten, Vermarktung im Internet und so weiter machen. Ich war voll im Film, während ich den Firmenplan erstellt habe. Das Arbeitslosenamt war beeindruckt und sie erlaubten es mir. Von da an ging es immer besser.
War dein Unternehmen profitabel oder beziehst du dich auf deine Psyche?
Beides. Ich habe einen eigenen Mini-Ratgeber zum Thema Abnehmen auf Amazon veröffentlicht, das Thema hatte mich einfach sehr interessiert, die ganze Selbstoptimierung war wie eine neue Welt für mich. Er hat sich mega krass verkauft. Für ein Jahr habe ich fast jeden Monat 500 Euro passiv durch das Buch verdient.
Ich habe immer mehr Kontakte aufgebaut und eine Weile später rief mich so ein neuer Unternehmerfreund an und sagte: «Ich brauche einen Coach, der kleinere Autoren dabei unterstützt, ihre Bücher ordentlich zu vermarkten. Willst du mitarbeiten? »
Das hat mein Einkommen vervielfacht. Irgendwann habe ich doppelt so viel wie mein Vater verdient. Später hatte ich sogar zwei Assistenten und habe mir auch AirBnBs in Portugal gemietet. Ich lag schön am Strand und beantwortete Nachrichten von meinen Kunden.
Wie lang hielt das an?
Einige Zeit, aber 2019 machte meine damalige Freundin, mit der ich den Sohn habe, Schluss mit mir. Ich war gestresst, weil ich nicht wusste, wie es mit meinem Sohn weitergehen würde.
Und dann finde ich diesen einen Zettel wieder, wo ich vor Jahren aufgeschrieben hatte, was ich bis wann erreicht haben will. Ich las ihn und, das glaubst du nicht, ich hatte alles erreicht und noch mehr.
Dann kam der letzte Punkt. «Wenn ich diese Sachen erreicht habe, dann werde ich glücklich sein.» Mein Weltbild brach fast zusammen. Ich hab alles geschafft, was ich erreichen wollte, und bin trotzdem nicht glücklich.
Dann kam Corona, das hat in mir einfach die ultimative Krise ausgelöst. Ich war noch nie so eingeengt, alle Freiheiten wurden mir genommen, in mir war so eine Unruhe. Also habe ich spirituelle Bücher angefangen zu lesen und bin sogar in ein buddhistisches Kloster gegangen.
Half dir die Spiritualität damit umzugehen?
Für eine Weile, aber mein Leben wurde erst eines Morgens verändert, als ich im Bett lag und auf dem Handy herumdrückte. Da höre ich aus dem Nichts eine akustische Stimme: «Daniel, dein Leben ist nichts Halbes und nichts Ganzes.»
Dann bin ich sehr erschrocken. Ich dachte, das ist jemand in der Wohnung, und ich bin hoch aus dem Bett und habe durch den Türrahmen geguckt, aber es war niemand dort.
Ich habe mich gewundert, wo das herkam, und gleichzeitig dachte ich mir: Das Universum hat mir eine besondere Botschaft gegeben. Und später dachte ich: «Ich muss die Bibel lesen.»
Ich schlug eine Stelle auf, die sagte: «Wir Menschen machen uns zu Gott und suchen unsere Erfüllung in allem Möglichen, aber das ist alles nichtig.» Ich habe wirklich eine halbe Stunde einfach geweint, weil das so zugetroffen hat. Danach bin ich Christ geworden.
Was hat der neue Glaube für dein Business bedeutet?
Ich habe viel Betrug erkannt: Ich hatte die Leute abgezockt und ihnen etwas verkauft, das sie nicht brauchen. Ich fing an, Partnerschaften zu kündigen, und verlor auch den Job als Marketing-Coach. Mein Einkommen ging mega zurück.
Dann kam der Brief vom Finanzamt: Du musst noch Steuern nachzahlen: 18’000 Euro.
Das musste ich mir eingestehen, dass es eine Lüge ist, an der ich immer noch festhalte. Das Unternehmertum war mein ganzes Leben geworden und es funktioniert nicht. Ich musste es nun komplett hinter mir lassen.
Wie konntest du die Schulden abbezahlen? Hast du es nochmals mit einem Unternehmen versucht?
Nein, ich wollte eine normale Anstellung. Wichtig war mir bloss, nicht wieder an diesen Laptop zu müssen. Ich half einem Freund im Garten und merkte, wie ich die Arbeit mit den Händen genoss. Als ich später zu einem Online-Coaching musste, wollte ich am liebsten wieder zurück.
Wurde das dein neuer Karrierepfad?
Ja, meine Frau fand ein super sympathisches Inserat: «Quereinsteiger oder gelernter Gärtner. Du kannst mir einen Lebenslauf senden oder einfach per WhatsApp schreiben.»
Der Chef und ich waren voll auf einer Wellenlänge. Ich habe ihn gefragt, wann ich denn anfangen könnte. Er sagte: «Ja, am besten morgen schon.» Also habe ich angefangen, Probe zu arbeiten, und habe nie wieder aufgehört.
Es war ein krasser Unterschied, weil du irgendwie Geschäftsführer bist, mehrere Assistenten hast und so, und plötzlich fängst du so tief wieder an, tiefer als ein Lehrling. Aber es war eine gute Übung in der Demut.
Hat das deine Ansicht zur Arbeit verändert?
Ich glaube, ich sehe den Sinn endlich dahinter. Manche Tage denke ich, ich habe den schönsten Job der Welt. Dann gibt es aber auch schwierige Tage. Aber das ist ok.
Wir können damit Gott ehren und die Arbeit wirklich exakt und gut machen. Die Kunden merken es auch: «Wieso hast du so viel Freude bei der Arbeit?» fragen sie mich. Und ich muss sagen, eigentlich ist es, weil ich nicht mehr für die Arbeit allein oder die ultimative Freiheit lebe, das hat den Unterschied gemacht.

Daniel Herold (36) ist im Vogtland in Sachsen aufgewachsen und arbeitet heute als Landschaftsgärtner in Bern und ist mit Nina verheiratet. Er hat nach dem ersten Burnout lange nach Sinn und Freiheit gesucht, zuerst durch Selbstoptimierung und Spiritualität und dann Unternehmertum, was ihn nochmals in ein Burnout katapultierte. Mit den Händen zu arbeiten hat ihm schliesslich mehr gegeben, als er sich je erbauen könnte.
Das Gespräch führte Dominik Boruta, für das Modul Schreiben und Sprechen 2 mmp25b 24.04.2026

