Bildquelle Titelbild: Kalid Ahbri
Gemäss Studien stehen Jugendliche und junge Erwachsene immer mehr unter Stress. Gemäss Sergio Nuzzo, Familien- und Jugendtherapeut, sind eine Vielzahl Gründe für diese Entwicklung verantwortlich. Ein Interview darüber, warum Selbstoptimierung nicht immer schlecht ist und warum Burnout-Prävention bei einem selbst beginnt.
Geschrieben von Kalid Ahbri

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Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene geben an, unter dauerhaftem Stress zu stehen. Sehen Sie diese Entwicklung ebenfalls bei Ihnen in der Praxis?
Sergio Nuzzo: Ja. Im Praxisalltag sehe ich häufig, dass Familien mehr mit Stress und Stresssymptomen zu kämpfen haben. Davon betroffen sind sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Nicht immer gleichermassen, aber es ist doch auffallend, wie sehr die steigende Anzahl von Stressfällen und Belastungsfällen unsere gerade Gesellschaft überschwemmt.
Woher kommt diese Entwicklung?
Sergio Nuzzo: Auf der einen Seite ist es so, dass die Rahmenbedingungen sich in der heutigen Gesellschaft verändert haben. Sprich, man hat mehr oder intensiver mit Stressfaktoren zu tun. Sei das jetzt am Arbeitsplatz, zu Hause oder allenfalls auch im Hobby. Man versucht sich zu vergleichen und das führt natürlich dazu, dass wir uns selber in eine Dynamik hinein manövrieren, wo wir schlecht wieder daraus rauskommen. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass heutzutage viel mehr diagnostiziert wird, weil auch viel mehr getestet wird.
Die Schweiz ist ein Leistungsland und ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land. Und das kommt, weil wir leistungsorientiert aufwachsen, erzieherisch, wie auch in der Schule, sprich Grundstufe, Oberstufe und so weiter. Und diese Leistungserwartung, die die Gesellschaft an uns heranträgt, ist, behaupte ich jetzt, nicht mehr als früher.
«Das was ich mache; bin ich das? Oder renne ich einer Sache hinterher? Ein Optimum, ein perfektes Bild, das ich nie erreichen kann?»
Was aber heute anders ist: Durch das, dass die Jugend mit ganz anderen Realitäten konfrontiert wird, kommen gewisse Symptome schon früher. Also hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und hat ein Problem, und zwar das Fehlen an Resilienz, dass weniger mit diesen Drucksituationen umgehen können, aufgenommen und hat versucht, das angenehmer zu gestalten. Wir haben die Sozialdienste in der Schule, die Schulpsychologen zum Beispiel. Und die haben ein Auge auf diese Anomalien. Durch das, dass ein System entstanden ist, reagiert das System auf bestimmte Rahmenbedingungen. Und ich behaupte jetzt, dass die Herausforderungen, die die Jungen heute haben, nicht mehr geworden ist. Ich glaube aber sehr wohl, dass das System, wie wir es jetzt haben, viel eher greift. Und wenn man mehr abklärt, hat man mehr Diagnosen, mehr Zahlen und auf einmal hat man mehr Fälle. Das ist auch ein grosser Bestandteil, welcher dann das Bild zeichnet, das wir heute haben.
Braucht es Ihrer Meinung nach mehr Präventionsmassnahmen gegen Burnout? Vor allem für junge Erwachsene und Jugendliche?
Sergio Nuzzo: Ja, wenn man speziell über Burnout spricht, bin ich der Meinung, dass man früher eingreifen kann. Aber damit das möglich ist, ist es nötig, dass die Gesellschaft auf alles, was vor dem Burnout kommt, sensibilisiert wird. Denn ein Burnout allein, eskaliert vielleicht am Arbeitsplatz, aber ist nie isoliert nur am Arbeitsplatz. Die Symptome erkennt man überall. Und in der Regel ist es so, dass ein Mensch, der in einen Burnout hineinrennt, Zuhause, in der Beziehung, oder sonst im Privatleben auch irgendwelche Herausforderungen hat, womit er nicht klarkommt. Und das nimmt man dann einfach mit rein. Dadurch, dass [dieser Mensch] zu wenig Ressourcen oder vielleicht die falschen Ressourcen hat, kann er das nicht abfangen, nicht verarbeiten, die Stresshormone nicht abbauen und den ganzen Teufelskreis so unterbrechen. Und dann kommt es zum Burnout.
«Einfach mal eine Stunde lang nur zuhören, ohne immer gerade eine Lösung zu präsentieren, ist oft viel, viel nachhaltiger als etwas anderes.»
Burnout ist ein Symptom von Sachen, die vorher schon schief gelaufen sind. Wenn man Burnout bekämpfen möchte, muss man viel, viel früher anfangen. Und das beginnt primär bei einem selber, bei der Selbstwirksamkeit. Zuerst einmal zugeben können, dass ich in einer Situation stecke, welche mich überfordert und zulassen können, Hilfe zu holen. Und dass das vielleicht nicht so stigmatisiert wird, auch in der Gesellschaft. Dass wenn man Hilfe holt, dass man dann schwach ist, zum Beispiel. Oder zu denken «Ich probiere es jetzt einfach mal, es kommt schon gut». Es kommt eben in der Regel nicht gut. Und wenn dann vielleicht biologische oder psychologische Vorbelastungen da sind, dann wird es schwierig. Jeder von uns hat seinen Rucksack. Die einen können besser damit umgehen und die anderen weniger. Wichtig ist, dass man es erkennen kann, dass man sich eingesteht, dass etwas nicht gut ist und bereit ist, intrinsisch motiviert, also von sich selbst aus, etwas dagegen zu machen.
Sie sagen, man muss bei sich selbst anfangen. Es gibt noch das andere Extrem: Leute, die versuchen, das meiste aus sich selber und aus der eigenen Karriere herauszubringen. Wie stehen Sie zur Selbstoptimierung?
Sergio Nuzzo: Im Grundsatz finde ich Selbstoptimierung eine gute Sache, solange sie nicht krankhaft wird. Selbstoptimierung ist vielleicht ein neueres Wort für lebenslanges Lernen. Optimieren wirkt sich vielleicht etwas wirtschaftlich. Man will versuchen, die Ressourcen so zielführend wie möglich zu einsetzen. Und das kann durchaus dazu führen, dass man den Draht zur Realität verliert. Vor allem in der heutigen Dynamik bei den Jugendlichen ist es schwierig, dort abzuschätzen: «Das was ich mache; bin ich das? Oder renne ich einer Sache hinterher? Ein Optimum, ein perfektes Bild, das ich nie erreichen kann?», weil Perfektionismus unmöglich und subjektiv ist. Optimierung ist mit vorsicht zu geniessen. Einfach so optimieren, ohne irgendwelche Ziele, das ist einfach nur reiner Konsum. Wenn man aber ein Ziel hat und der kann abbrechen auf kleine Zwischenziele, dann why not? Ist sicher nicht falsch.
Wie kann man einer Person im eigenen Umfeld helfen, bei der man vermutet, sie könnte in ein Burnout geraten? Kann man überhaupt helfen?
Sergio Nuzzo: Ja, helfen kann man immer, wenn man das Individuum oder die Situation in den Vordergrund stellt und nicht den eigenen egozentrischen Wunsch, etwas zu machen. Entsprechend muss man sich vom eigenen Bild als Retter oder als Lehrer oder als Coach trennen können und einfach mal zuerst zuhören. Man stellt eine Frage wie: «Du, ist alles in Ordnung?» Und dann sagt die andere Person meistens: «Ja, ja, ist alles gut.» dann sollte man nachhaken und sich damit nicht damit zufrieden geben. «Bist du sicher? Schau, mir ist aufgefallen, dass du nervöser bist. Du reagierst aggressiver, du machst die Sachen, die du sonst normalerweise gerne machst, nicht mehr. Du gehst nicht mehr Eishockey-Match schauen oder sonst irgendetwas.» Das sind alles Änderungen vom Verhalten des Menschen; alles Anzeichen, dass etwas nicht stimmt und dass da irgendetwas im Umbruch ist. Und dort dann zu fragen und einfach mal zuzuhören, damit der andere einfach mal ablegen kann. Einfach mal eine Stunde lang nur zuhören, ohne immer gerade eine Lösung zu präsentieren, ist oft viel, viel nachhaltiger als etwas anderes. Denn dadurch, dass wir Gedanken verbalisieren, Sachen sagen, überlegen wir gerade beim Reden. Und das kann schon Denkanstösse auslösen oder vielleicht Sachen anstossen, die uns vielleicht selber auch helfen.
Das Gespräch führte Kalid Ahbri.
Multimedia Production, Kalid Ahbri, Schreiben & Sprechen II, mmp25b, 24.04.2026

