Wenn Stress nicht mehr aufhört

Panikattacken und Atemnot: Daniel Herold, der damals 21-jährige Metallbauer, befand sich unwissentlich in einem Burnout. So wie es ihm erging, geht es vermehrt auch anderen jungen Erwachsenen. Wo der Druck zu hoch wird, wird auch zur Selbstoptimierung gegriffen, doch es führt nicht immer zur Entlastung.

Audioteaser
Moderiert von Kalid Ahbri (zum Aufnahmezeitpunkt krank)

Kalid Ahbri, Dominik Boruta mmp25b 25.04.2026, Schreiben und Sprechen II

Daniel Herold mit dem Zitat "Ich hab alles erreicht und war trotzdem nicht Glücklich."
Daniel Herold, 36, früherer Unternehmer und nun Landschaftsgärtner.
Bildquelle: Dominik Boruta

Junge Erwachsene sind mit ändernden Rahmenbedingungen konfrontiert und müssen diese irgendwie bewältigen. Immer mehr kommt dabei die Selbstoptimierung zum Zug: Das beste aus dem eigenen Körper, der eigenen Karriere und dem eigenen Leben zu holen, die Ressourcen so effizient wie möglich zu verteilen. Was aber passiert, wenn alles zu viel wird? Ist der Trend zur Selbstoptimierung im Arbeits- und Sozialleben ist eine Gefahr für junge Menschen, da die Risiken eines Burnouts unterschätzt werden?

Als Metallbauer musste Daniel Herold jeden Tag giftige Dämpfe einatmen. Die Angst um seine Gesundheit begleitete ihn tagtäglich. Als bei ihm Stress in der Beziehung, Familie und Angst um seine Gesundheit zusammenkommen, erlebte er seine erste Panikattacke. «Ich bekam schlecht Luft und ich musste mich alle zehn Minuten ausruhen. Der Chef fuhr mich ins Krankenhaus, aber es kam raus: ‹Du bist voll gesund.›»

Audiobeitrag: Wie hast du dein Burnout erlebt?
Audioquelle: Dominik Boruta

Bewusst war es ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber er befand sich in seinem ersten Burnout. Er wurde in die Rehabilitationsklinik geschickt, wo er viel Zeit hatte, um nachzudenken; über seine Psyche, über sein Leben, über seine Karriere. Dank Medikamenten konnte er sich wieder erholen, doch er nahm sich vor, sein Leben zu verändern, damit er glücklich werden kann. Er schrieb sich seine Ziele auf einen Zettel und fing an, Bücher zu lesen, Seminare zu besuchen und zu Networken.

«Ich komme da erst aus einer psychischen Erkrankung und jetzt will ich Unternehmer werden. Mein Vater ist komplett aus allen Wolken gefallen»

Er wagte seinen ersten Schritt in die Selbstständigkeit, um sich von seinem momentanen Job zu lösen und sich finanziell unabhängig zu machen.

Nach viel Reisen und Networken, Bücher lesen und besuchten Seminaren schafft er es, einige kleine Aufträge zu erledigen. Dann kommt der finanzielle Durchbruch: Ein Buch, welches er geschrieben und auf Amazon gestellt hat, verkauft sich sehr gut. Plötzlich geht alles sehr schnell. Ein Unternehmerkollege aus seinem Netzwerk verhalf ihm dazu, anderen Autoren zu helfen, sich zu vermarkten. Das Buch und der Coaching-Job vervielfachten sein Einkommen.

Audiobeitrag: Was hast du in deinem Job als Coach getan? Wie hat dich das verändert?
Audioquelle: Dominik Boruta

Daniel schien auf dem Hoch der Gesellschaft angekommen und verdiente dank zahlreichen Jobs gutes Geld, trotzdem war er unzufrieden. «Ich hatte alles geschafft, was ich erreichen wollte, und war trotzdem nicht glücklich.

Audiobeitrag: Wann kam das zweite Burnout?
Audioquelle: Dominik Boruta

2019 machte meine damalige Freundin Schluss mit mir. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wie es mit meinem Sohn weitergehen würde. Dazu kam Corona, das hat in mir die ultimative Krise ausgelöst. Ich war noch nie so eingeengt, in mir war so eine Unruhe» Er geriet in ein zweites Burnout und stellte sein Leben auf den Kopf. Der Traum war geplatzt und allmählich realisierte er, dass ihm dieses unternehmerische Streben nach Mehr nicht weiterhalf, sondern ihn kaputtmachte. Er kündigte seine Partnerschaften und hing seine erfolgreiche Karriere an den Nagel.

«Und dann finde ich diesen einen Zettel wieder, wo ich vor Jahren aufgeschrieben hatte, was ich bis wann erreicht haben will. Ich hatte alles darauf erreicht und noch mehr, aber ich war nicht glücklich»

Konkrete Zahlen zu Burnout-Fällen zu finden ist sehr schwierig, denn Burnout ist keine eigene Diagnose. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Verkettung von Ursachen, welche unter dem Begriff «Burnout» zusammengefasst werden.

Gemäss Bundesamt für Statistik stieg das Burnoutrisiko vor allem bei Frauen an. Die Anzahl Burnout-Gefährdeten stieg auf 25% im Jahr 2022. Bei den Männern zeigt sich eine Stabile Zahl von 19%. Oft leiden diese Betroffenen an Depressionssympthomen oder sie fühlen sich emotional verbraucht.

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/psychische.assetdetail.31866457.html

So wie Daniel streben auch andere junge Menschen nach dem grossen Erfolg. Wenn sie dabei wie er in einem Burnout landen, erfahren sie oft eine grosse Stigmatisierung.  «Mein Vater konnte das Ganze überhaupt nicht nachvollziehen. In Ostdeutschland, da gab es das nicht, dass man eine psychische Krankheit hat. Für ihn gibt es nur Materie, das, was er sehen kann. Und zudem hast du diejenigen Leute, die sagen, der Sinn des Lebens ist Arbeiten. Und wenn du nicht arbeitest, dann bist du unfähig oder faul. Ich fühlte mich schrecklich, ich dachte, mein Leben sei vorbei.»

Audiobeitrag: Warum Burnout in der Regel nicht von Arbeit ausgelöst wird.
Audioquelle: Kalid Ahbri

Auch Sergio Nuzzo hört ständig von solchen Fällen, bei denen das Umfeld mit Unverständnis auf die Situation reagiert. Er ist Familien- und Jugendtherapeut und laut ihm sind eine Vielzahl an Gründen für den Anstieg an chronischem Stress und Burnout verantwortlich. «Auf der einen Seite haben sich die Rahmenbedingungen in der heutigen Gesellschaft verändert. Sprich, man hat mehr oder intensiver mit Stressfaktoren zu tun. Sei das jetzt am Arbeitsplatz oder zu Hause. Das Vergleichen mit anderen spielt dabei ein wichtige Rolle.»

Portrait von Sergio Nuzzo
Sergio Nuzzo über die Gründe, warum Burnout immer verbreiteter wird und was man dagegen tun kann.
Bildquelle: Kalid Ahbri

Sergio Nuzzo beschäftigt sich mit medikamentloser Kinder-, Jugend- und Familientherapie. Burnout sei dabei ein häufiges Thema. Trotzdem denkt er, dass der Leistungsdruck für Jugendliche und junge Erwachsene nicht grösser geworden sei. «Wir erkennen es heute früher, durch zum Beispiel Schulpsychologische Dienste. Dadurch, dass wir mehr abklären kommt es auch zu mehr Diagnosen und daher auch zu mehr Fallzahlen.» Die Selbstoptimierung hingegen sieht er nicht unbedingt als ein Problem: «Ich finde es im Grunde ein gute Sache, solange sie nicht krankhaft wird. Eigentlich ist es ein neueres Wort für lebenslanges Lernen.»

Interview zwischen Sergio Nuzzo und Kalid Ahbri
Videoquelle: Kalid Ahbri

Um Burnouts effektiv zu verhindern, braucht es vor allem eine frühe Intervention. «Ein Burnout eskaliert zwar vielleicht am Arbeitsplatz, aber die Symptome erkennt man überall. Und in der Regel hat man dann Zuhause, in der Beziehung, oder sonst im Privatleben auch Herausforderungen. Dadurch, dass jemand zu wenig oder die falschen Ressourcen hat, kann er den Stress nicht abfangen und die Stresshormone nicht abbauen und so wird es immer mehr, bis es zum Burnout kommt.»

Moderationsbeitrag: Ist der Vergleichsdruck via z.B. Social Media an der steigenden Anzahl mentaler Erschöpfung schuld?
Audioquelle: Kalid Ahbri

Man müsse bei sich selbst anfangen und sich selbst zugeben, dass man Hilfe benötige. Zudem rät er sich nicht darauf zu verlassen, dass alles gut komme. Statt dass man Betroffene einfach Coachen oder mit Lösungen und Vorschlägen versorge, sollte man einfach zuhören, so Sergio Nuzzo: «Einfach mal eine Stunde lang nur zuhören ist oft viel, viel nachhaltiger als etwas anderes. Denn dadurch, dass wir Gedanken verbalisieren, überlegen wir tiefer über etwas nach. Und das kann schon Sachen anstossen, die uns vielleicht selber auch helfen.»

Interview zwischen Sergio Nuzzo und Kalid Ahbri
Videoquelle: Kalid Ahbri

Heute arbeitet Daniel Herold als Landschaftsgärtner in Bern. Auch von seinem zweiten Burnout konnte er sich wieder vollständig erholen. «Heute sehe ich endlich den Sinn hinter der Arbeit wieder. An manchen Tage denke ich, ich habe den schönsten Job der Welt. Dann gibt es aber auch schwierige Tage. Aber das ist normal.» Auch bei den Kunden komme es gut an. Auf die Frage, warum er denn auf der Arbeit so glücklich sei, meint er: «Eigentlich ist es, weil ich nicht mehr für die Arbeit oder die ultimative Freiheit lebe.

Nahaufnahme von Daniel Herold in seinem Garten.
Daniel Herold, 36, früherer Unternehmer und nun Landschaftsgärtner.
Bildquelle: Dominik Boruta

SEO Metadaten

Titel: Wenn Stress nicht mehr aufhört

Meta-Beschreibung: Selbstoptimierung findet zunehmend Anklang bei jungen Erwachsenen und kann verheerende Folgen mit sich bringen, wenn man sich zu sehr fordert.